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Dialog über Ontologie und Plumbeutler

 Facebook, 16.01.2016

https://www.facebook.com/simon.faber.9/posts/1136314656379816

"Also, mein Herr: War es nun Glück, Schicksal, oder Zufall?"
"Sehen Sie, das Problem mit derartigen Kategorien ist, dass wir hier über etwas reden, dass wir nicht nur nicht wissen, sondern sogar notwendigerweise nicht wissen können."
"Was wollen Sie damit sagen, Sie hypothetischer Dialogpartner?!"
"Kein Grund, beleidigend zu sein. Also, sehen Sie, es ist doch so: Was wir wissen müssen, um den allergrößten Teil unserer Entscheidungen - alle Arten von Entscheidungen - zu treffen, bewegt sich doch in einem eng begrenzten Referenzrahmen.
Wir kennen eine bestimmte Anzahl an Menschen, sind mit einer bestimmten Zahl an Maschinen vertraut, beherrschen einen Wortschatz bestimmter Größe und so weiter. All diese Dinge wiederholen sich und sind uns verständlich.
Aber die uns umgebende Maschinerie, der Gesamtkosmos, ist unendlich größer. Und ab uns zu tritt eben ein unvorhergesehenes, ein unvorhersehbares Ereignis in diesen vertrauten Referenzrahmen.
Der Stein, der den Unterboden Ihres Wagens beschädigt hat, lag weder rein zufällig da, noch wurde er von einer absichtsvollen Macht dorthingelegt. Es gibt eine Reihe von Ereignisabfolgen, die ihn dorthin befördert haben. Man könnte seinen Weg über den Autobahnabhang rekonstruieren, den Schuh, der ihn lose getreten hat, den Mann, der den Schuh trug ... aber all diese Dinge waren eben einfach nie wichtig, nicht Teil Ihres Referenzrahmens. Und sie wurden es auch nur dieses eine Mal.
Der junge Hund, der Ihnen zugelaufen ist, mit dem Sie nun zusammenleben: Er ist irgendwo entlaufen, hat einen bestimmten Weg genommen. Aber bis zu dem Moment, an dem er vor Ihrer Tür stand, war es für sie unmöglich und auch nicht notwendig, diese Ereignisabfolge in Ihren Tag mit einzukalkulieren.
Die neue Maschine, die Ihr Leben in siebzehn Jahren so sehr verändern wird: Ihre Entwicklung liegt bereits in einigen Artikeln begründet, es werden schon Versuche gemacht. Aber bis das Gerät Ihnen vorgestellt werden wird, haben Sie nicht den geringsten Grund, ausgerechnet diese Artikel zu lesen, ausgerechnet mit jenen aufgeregten jungen Leuten zu sprechen."
"Also ... ?"
"Also ist die Summe allen möglichen Wissens so sehr viel größer als das Ihnen erreichbare. Sie wählen aus, was Sie zu wissen versuchen. Aus diesem schier überwältigenden Rest rekrutieren sich, ab und an, die Gründe für das, was sich Schicksal, Zufall, Glück nennt. Nur ist es nicht mehr oder weniger geheimnisvoll als die Ihnen vertrauten Dinge. Es ist die selbe Form, nur eine andere Substanz."
"Und?" - "Und was?"
"Und das soll es gewesen sein? Was ist zu erwarten? Alles? Nichts? Tue ich nur noch das, was ich kenne? Rechne ich täglich mit dem Unvorstellbaren?"
"Ganz und gar nicht. Denken Sie ökonomisch: Es gibt nur eine begrenzte Menge von Wissen, dass Sie mit einem gewissen Aufwand an Zeit und Mühe erwerben können. Dieses Wissen hat einen größtenteils, aber eben nicht ganz vorhersehbaren Effekt. Wählen Sie also, ausgehend von dem, was sie kennen, das aus, was sie kennen sollten. Und rechnen Sie stets damit, sich zu irren."
"Aber wie kann ich denn wissen, was ich wissen muss?!"
"Das ist es eben - Sie können es nicht. Es gibt keinen Schritt zurück, keine Betrachtung des Ganzen. Nur der Ihnen eigene Referenzrahmen, das langsame Tasten von Anhaltspunkt zu Anhaltspunkt."
"Sie haben gut reden." - "Inwiefern?" "Mich erst zu erdenken, um dann in einem eingebildeten Dialog die Oberhand zu behalten - das ist leicht. Aber werden sie mal mit Ihrem Nicht-Zufall konfrontiert, dann sieht es schon anders aus."
"Ah, aber hier greift der Vorteil eines erdachten Dialogpartners. Es ist mir natürlich jederzeit möglich, zu behaupten, dass Sie in Wirklichkeit ein baumbewohnender Plumbeutler sind, der nur für eine Weile aus irgendeinem Grund die Gabe der Sprache besessen hat."
"Da haben Sie natürlich recht", sagte der Plumbeutler und kehrte mümmelnd auf seinen Baum zurück.

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