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Freier Unwille

Facebook, 23.01.2017

https://www.facebook.com/simon.faber.9/posts/1441253809219231

"Also sagen Sie auch weiterhin, dass es so etwas wie einen freien Willen gar nicht gibt?"
"Jawohl, das tue ich."
"Und die persönliche Verantwortung des Einzelnen, die freie Fähigkeit zur Schuld, das gibt es dann auch nicht?"
"Das ist, was ich für wahr halte. So sehr ich wollen würde, anders zu glauben, ist es doch nicht möglich."
"Aber ... aber dann fällt doch alles weg. Die Fähigkeit zur Schuld .... der Unterschied zwischen Gut und Böse ... die Möglichkeit zur Bestrafung ... alles weg. Es bleibt die reine Anarchie. Jeder kann tun und lassen, wozu er lustig ist. Schuld ist niemand mehr."
"Und sehen Sie, genau hier liegt Ihr Fehler. Wer auf die Freiheit der Entscheidung als Konzept verzichtet, der führt nicht die völlige Willkür des Handelns herbei, er mindert sie im Gegenteil sogar noch. Wo der Einzelne nicht mehr letzte Ursache seiner Handlungen ist, da sind diese Handlungen auch nicht mehr für sich selbst genommen schon wertvoll. Wenn meine Taten etwas sind, das ich nicht bewirke, sondern erfahre, dann gibt es keinen Grund mehr, sie zu respektieren. Im Gegenteil - einer Herrschaft der Moral ist damit die Tür geöffnet. Was immer der Einzelne dann tut, muss sich künftig am Maßstab des Wohles des Anderen messen lassen. Und was nicht genügt, darf korrigiert werden. Strafe - das gibt es natürlich nicht mehr. Nur der frei Handelnde in einem universellen Moralsystem kann bestraft werden. Aber Korrektur, universelle Korrektur, nach Vorgabe des Gemeinwohls, dafür gibt es nun keine Schranke. Wer schadet, wird erzogen. Wer unerziehbar ist, der wird entfernt - auf die humanste, freundlichste, am wenigsten schädliche Weise natürlich, entfernt an einen Ort, wo er nach Möglichkeit gut leben kann, aber entfernt eben doch.
Schauen Sie ... nehmen wir an, es gäbe da ein Gerät ... ein Verfahren, eine Pille vielleicht, mit der könnten Sie dem Gewalttäter, dem Psychotiker, dem Unmenschen seinen Zerstörungstrieb nehmen. Nebenwirkungsfrei - außer, dass es eben ein Eingriff in sein Selbst, seinen Verstand, seine Seele ist. Kann man das tun? Muss man das tun? Auch wenn er sagt, dass es sein Wille ist, so zu sein, wie er ist?"
"Nun ... wenn er denn krank ist ... ?"
"Aber krank will er ja sein. Und sein Wille ist heilig - wenn er wirklich frei sein soll. Wenn Sie hier Krankheit und keinen Willen diagnostizieren, haben Sie ihm in dieser Hinsicht den freien Willen ja schon abgesprochen. Selbst wenn er nicht anders kann, als so zu handeln, so zu schaden, wie er es eben tut, so kann er doch immer noch wollen, so zu sein."
"Und ohne die heilige Freiheit ... ?"
"Und wenn der Wille nicht frei ist, nie frei ist, dann ist es überhaupt keine Wahl. Am größtmöglichen Glück für die größtmögliche Menge ist die Handlung zu messen. Sein Selbst, seine Seele, sein freies, Black-Box-artiges Innerstes hat an und für sich selbst überhaupt keinen Wert. Es darf, es muss optimiert werden. Setzen Sie die Kabel an, führen Sie die Kanüle ein, aktivieren Sie den Strahler. Die einzig moralische Frage ist, ob die Schädlichkeit der Nebenwirkung die Nützlichkeit der Wirkung übersteigt."
"Also ... "
"Also ist die Welt ohne Willen nicht die Welt des Laissez-faire, des Alles-Erlaubten. Es ist eine Welt gnadenlosen Nützlichkeitsdenkens, Wo alles Zwang ist, ist nichts Zwang. Und Zwang zum Guten ist nur gut."
"Und darum haben Sie meinen Schädel aufgebohrt und mir diese Kupferröhrchen in das Gehirn geschoben?"
"Deswegen, und weil ich Ihr Gejammer Leid bin. Strom an!"

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