Ich glaube nicht an Frauen.
So ein Satz dient natürlich der geistigen Selbstgefälligkeit. Er kann ja nicht wörtlich wahr sein. Sein Zweck ist es, die offensichtliche Frage zu provozieren, auf die dann mit freundlicher Herablassung geantwortet werden kann. Hat doch das Gegenüber den verborgenen Sinn dieses doch nur scheinbaren Unsinns nicht erkannt, aber nun gut, man ist ja hier um zu helfen, nicht wahr? (Aber wie sollte es auch, steckt es doch nicht in einem drin.)
Nun gut. Ich glaube also nicht an Frauen. Und da sie schon so interessiert gefragt haben, will ich ihnen doch gerne den Sinn meines bescheidenen kleinen Statements erklären ...
Ich glaube nicht an die weibliche Überlegenheit. Manchmal begegne ich Leuten - zumeist Männern - die mit einer besonderen Mischung aus Verehrung und Unterwürfigkeit über Frauen sprechen. Höhere Wesen, so viel anmutiger, zartfühlender, zivilisierter, besser ... nun ja, man kennt es. Das soll dann vielleicht sogar feministisch sein. Frauen, ahem, sind da zum Glück realistischer. Denn wirklich. Alle Frauen auf der Welt unvergleichliche Göttinnen? (Ein Wort, welches außerhalb von sorgfältig geplanten Rollenspielen niemals auf ein lebendes Wesen angewandt werden sollte.)
Alle?
Auch Sandra aus der Personalabteilung, die ständig solche hässlichen, nachbohrenden, persönlichen Fragen stellt und einen bei der kleinsten Gelegenheit anschwärzt? Frau Meier aus der Nummer 12, die einem vermutlich frühmorgens die Mülltonnen durchwühlt und sehr wahrscheinlich mit Absicht über die Katze gefahren ist?
Vielleicht könnte man meinen, blinde Verehrung wäre ein angemessener Ausgleich für endlose Zeiten der Verachtung. Aber es scheint mir, dass es sich um das selbe Prinzip handelt, nur mit vertauschten Vorzeichen. Beides spricht gleichermaßen der einzelnen Frau ihre Individualität ab. Beides ist absolut irreal. Und beides entmenschlicht, in gewisser Weise. Feminismus ist das auf keinen Fall.
" Feminism is the radical notion that women are people"
Cheris Kramarae and Paula Treichler
... ich denke, das trifft es ganz gut.
Auf einer schwächeren Ebene steht der Gedanke, das Frauen irgendeine Art von zusätzlicher Qualität zur Erfahrung der Welt besäßen, eine besondere Verbindung ... schon allen diese beiden Wörter sind so absurd. Hier scheint mir eine Art Abwehrreaktion am Werk. Aus einer Zeit, die Frauen das rationale Denken abspricht, entstammt der Trotz. "Nun, dann ist das weibliche Denken eben anders. Und zwar besser. Wir haben etwas Höheres als Logik und Vernunft." Wie ein Gefangener, der seine Zelle zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort erklärt.
Also Menschen. Das sollte immer die einzige Begründung für eine Gleichbehandlung sein. Es ist ein Status, der auch unabhängig von gewissen statistischen Wahrheiten existiert. Natürlich ist es vernünftig, davon auszugehen, dass eine unbekannte Frau wohl weniger gewalttätig ist als ein unbekannter Mann, dass sie - bedingt durch uralte Geschlechtsrestriktionen - in einer etwas anderen Kultur aufgewachsen ist und andere Konventionen befolgt. Aber das sind Details. Klischees sind Werkzeuge, welche wir verwenden, um ... ah, das wird dann vermutlich ein anderer Post.
Also, ich glaube nicht an Frauen. Unbescheiden wie ich bin, denke ich, dass mich diese Haltung zu einem anständigeren und vernünftigeren Menschen macht als einer, welcher mit ganzer Inbrunst an die Heiligkeit des weiblichen Prinzips glaubt.
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