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Kleine Zahlen

"Feinabstimmung" ist einer der jüngeren Versuche eines Gottesbeweises. Der Kern des Konzeptes, einfach formuliert:
Der derzeitige Zustand unseres Universums, mit Sonnen, Nebeln, Planeten, komplexeren Molekülen und dann auch Leben, ist abhängig von einigen bestimmten Konstanten der grundlegenden physikalischen Eigenschaften. Schwache und starke Kernkraft, Elektromagnetismus, Gravitation.
Genauer gesagt, dieser Zustand ist davon abhängig, dass diese Konstanten auf recht beeindruckend viele Stellen hinter dem Komma einen bestimmten Wert aufweisen - was sie ja auch tun. Es dürfte davon keine starken Abweichungen geben. Der Kosmos wäre, in den meisten anderen denkbaren Variationen, einfach nur ein formloser Brei von Wasserstofftomen, bestenfalls.
Das Argument lautet also: Eine derart spezifische Kombination von Werten, so genau feinabgestimmt auf das Leben lässt auf einen Abstimmer schließen. Im Grunde also das vordarwinistische Designermodell, eine Ebene höher.

Und wie auch bei dem Vorläufer lassen sich auch, schon bevor es eine stabile alternative Theorie gibt, durchaus schon Fehler in der Hypothese finden. Dass wir nicht wissen, wie universale Konstanten entstehen, etwa, wie sie voneinander abhängig sein könnten. Die Multiversen-Theorie, die Hypothese einer Vielzahl von Vorgängerkosmen ... darum geht es hier nicht.

Das Argument - die Art des Argumentes, es lässt einen interessanten Blick in das Wesen von Religion und dem Wunsch nach der Existenz eines Gottes zu.
Warum sind diese Konstanten so wunderbar? Sie entsprechen sehr genau den für die Existenz von leben nötigen Werten.
Sehr genau - aber doch endlich genau. Aus menschlicher, dezimalsystemgewöhnter Perspektive ist es ein Wunder. Eine Perspektive, welche gewisse Größen als gewaltig, andere als winzig empfindet. Der Raum möglicher Zahlen - und damit möglicher Werte - aber ist unendlich. Unbegrenzt viele Stellen hinter oder vor dem Komma lassen das so menschliche Empfinden von Genauigkeitabsurd erscheinen. Aus der Perspektive einer unendlich kleineren Zahl besitzen diese Konstanten einen unendlichen Raum möglicher, lebensverträglicher Abweichungen.
Das Argument der Feinabstimmung speist seine Überzeugungskraft letztlich aus einer Vermenschlichung des Kosmos. und hier liegt, denke ich, eine interessante Erkenntnis über das Wesen von Religion überhaupt. Es ist, unter anderem ,auch der versuch, einem so offenkundig unmenschlichen Universum ein menschliches Antlitz überzustülpen.
Was wir als "real" wahrnehmen, ist nur ein Interface, ein komplexes Konstrukt, welches sich entwickelt hat, nicht, um die Realität, welche vermutlich existiert, exakt wiederzugeben. Sondern um es der Spezies, die dieses Konstrukt entwickelt hat, zu ermöglichen, in einer bestimmten Umwelt besser zu überleben.
Es ist eine Illusion, wenn auch eine nützliche. "Kälte", "Dunkelheit", "Farben" ... willkürliche Platzhalter für reale Verhältnisse, die sie nicht abzubilden, sondern nur bezeichnen sollen. Icons. Und eben auch das Empfinden von der Größe bestimmter Zahlenwerte, riesig oder winzig allein relativ zur menschlichen Empfindung.
Der Gott der Feinabstimmung ist ein menschlicher Gott, ein zumindest gefühlt verstehbares Gebilde. Ein Gott, welcher uns unsere Illusionen erhalten soll. Mir scheint, es ist kein Zufall, dass Einstein, als er einmal nach seinem Glauben gefragt wurde, auf Spinoza verwies. Dessen Gott hat keine Absichten und ist auch nicht vermenschlicht. Wer wie Einstein versucht, den Kosmos gründlicher und exakter zu verstehen, der erkennt, wie radikal er sich von diesen Illusionen unterscheidet. Wie sehr tatsächlich unsere Wünsche eben keinen Wahrheiten entsprechen.

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