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Die Entdeckung der Langsamkeit

Da wurde mir also, gestern erst, ein altes - na, sagen wir lieber klassisches - Computerspiel ins Haus geliefert.
Und am Abend des selben Tages saß ich vor der Maschine, blickte zur Uhr und stellte fest, dass die Zeit höchst angenehm verflogen war. Was war passiert?
Die Essenz (Dungeon Keeper 2) spielt eigentlich keine Rolle. Hier geht es um die Form.
Den ganzen Nachmittag lang habe ich also erst fröhlich kleine Welten konstruiert und dann ein wenig gemordet. Wie es so Sitte ist in dieser Form der Unterhaltung. Aber mein höchstes Vergnügen habe ich aus den langen Momenten gezogen, in denen ich einfach meinen Blick über mein vollkommen irreales Reich schweifen ließ. Mein Werk bewundert habe - und ein wenig damit gespielt, im Geiste. Die Geschichte weitererzählt, über die Begrenzungen der Maschine hinaus. Auch - ich gebe es gern zu - ein wenig mit meinen Figuren geplaudert. Komödie gemacht.

All das war möglich, weil das Spiel ein sehr menschliches Tempo vorgegeben hat. Ich hatte Zeit, Zeit nachzudenken. Zu reagieren, es zu erleben. Ich  konnte in aller Ruhe in der Traumwelt aufgehen. Das, was Eskapismus eigentlich ausmacht.
Wie gesagt, ein Klassiker. Und in der neueren Zeit ... ?
Im selben Genre (Strategie) hätte es bei meiner Geschwindigkeit schon an allen Ecken gejodelt. Alarm! Der böse Feind ist da! Die Truppen herbeizerren, undzwarfix! Alle schon tot! Neue machen! Schneller Nein, nicht hier, da! Bewegung!
Ja, ich rede mit dir, C&C 3. Aber ihr anderen braucht gar nicht so zu grinsen. Du, Modern Warfare 2, hast mich durch die Gegend gescheucht, mir ins Ohr geplärrt und dann auch noch die Unverfrorenheit besessen, mir nach meinen mannigfaltigen Toden auch noch höchst selbstgefällig zu erklären, dass Granaten nun mal ein bißchen tödlich sein können. Selbst du, mein Sohn Mass Effect 2, liesst mir kaum Zeit, zu reagieren. Die zahlreichen, glänzenden Spielzeuge, die du mir an die Hand gabst, blieben zumeist ungenutzt. Zugunsten repetitiver, aber sicherer Reflexhandlungen.
Es grenzt an ... Arbeit.
(Ah. Nicht weinen, Dragon Age. Du bist auch hier beinahe vollkommen, und ich werde weiterhin dein Loblied singen.)
So kommt Eskapismus nur schwierig zustande.
Das Gegenteil ist natürlich nicht besser. Wenn die Maschine den eigenen Bewegungen nur noch extrem zäh folgt. Wenn sich die Katastrophe auf dem Bildschirm quälend langsam, ohne Möglichkeit zum Gegensteuern, entfaltet. Dann ist auch schlecht.
Hier ist die eigentliche Erkenntnis. Für den Eskapisten ist die Mechanik (Maus, Tastatur, Pad, Bambusstock, ganz egal) nur ein weiteres Körperteil. Immersion, das völlige Aufgehen in der Traumwelt, findet statt, wenn dieser Körper sich glaubwürdig anfühlt. Und ungehetzt.
Nun, was will ich mit all dem eigentlich sagen ...
Kauft mehr klassische Spiele? Sicher nicht verkehrt.
Sein's nett so verhetzt? Das passt immer.
Produziert individuell maßgeschneiderte Interface-Systeme für bessere virtuelle Welten? Na, sicher. Bezahlbar müssen sie auch sein. Und einfach zu bedienen. Und die Bedienung im elegischen Distychon erklären.
Computerspiele sind nur der nächste Schritt auf dem Weg zu meterhohen neuen Körpern aus Fleisch und Metall? Absolut!
Spottet nur. Wenn meine Titaniumfüße über euch hinwegtrampeln, wird euch das Lachen shon vergehen.

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